Sonntag, 26. Dezember 2010


Mein Freund wünscht sich von mir ein Rasierset. Ich freue mich darüber, dass er mir diesen Männertraum anvertraut, aber leider fühle ich mich auch ein bisschen überfordert. 
Helena S., per E-Mail

Sie und Ihr Freund haben vollkommen recht: Es ist höchste Zeit, dass die sich nass rasierenden Männer sich der überteuerten und ästhetisch unbefriedigenden Mehrklingen-Systemrasierer entledigen und zum altbewährten Gerät greifen. Ein schöner Dachshaarpinsel mit Büffelhorngriff (von Mühle aus Sachsen) wäre der Hit, dazu ein stählernes Rasiermesser (von Merkur oder Dovo) und eine Porzellanschale zum Aufschäumen der Rasierseife (von Knize). Dazu eine Flasche Rasierwasser - Pitralon oder Acqua di Parma, und der Tag kann beginnen!

Sehen rote Hosen per se schwul aus?

Farbig angezogene Männer fallen auf, sie sind entweder Modedesigner, Künstler oder Schwule. Deshalb frage ich Sie: Sind rote Hosen für Männer tragbar, oder erinnern sie zu sehr an die siebziger Jahre oder noch schlimmer: Sind sie für Gigolos und andere Playboys reserviert? Emilio S., Freiburg

Aber Monsieur, aus welcher Welt kommen Sie denn!? Man hat beim Gedanken an Freiburg sicherlich nicht die allermodernsten Zeitgenossen vor Augen, aber das, was in Ihrem Kopf herumspukt, dürfte noch nicht einmal mehr in Obermonten, Plaffeien oder Schmitten gängiger Standard des Denkens sein! Nicht die rote Hose, sondern Ihre eigenen Vorurteile sind das Problem. Sicher waren Farben für Männer vor einigen Jahrzehnten noch exotisch, aber im Zeitalter von Etro, Paul Smith oder Tommy Hilfiger wird man dafür längst nicht mehr ins Abseits gestellt.

Vernünftige Männermode für den Herrn mittleren Alters

Ich bin auf der Suche nach einem Modegeschäft, in dem ich zeitlose, aber stilvolle und elegante Mode für den Alltag zu einem vernünftigen Preis finde. Ich, mit schweizerischen und italienischen Wurzeln, bin 46 Jahre alt, 176 cm gross und trage Grösse 46. Ich trage gerne dunkle und meist brave Farben, manchmal aber auch frechere Töne. Willi G., per E-Mail

Sehen Sie, da haben wir's: Auch der ganz normale Hetero trägt heute lässig Farbe, wenngleich natürlich mit einer gewissen Zurückhaltung. Doch nun zur Sache. Ihrem Ansinnen, eine Liste konkreter Adressen von mir zu bekommen, kann ich natürlich nicht entsprechen, dazu ist der Platz hier zu beschränkt. Halten Sie sich an Häuser mit smarten Mittelmarken wie Closed, Drykorn, Tonello, Alessandrini oder Woolrich, die eben die von Ihnen gesuchte Mode machen. Und denken Sie immer auch an unseren Schweizer Lokalmatador Strellson.

Montag, 20. Dezember 2010

Haben Handküsse noch Platz in unserer Zeit?



Haben Handküsse noch einen Platz in unserer Gesellschaft? Wenn ja, wo und wie? Leonard M., Basel

Ach, der schöne Handkuss! Man sieht ihn leider kaum noch - nur überall schnödes, standardisiertes Dreifachgeküsse. Im Grunde ist das jammerschade, also meine ich: Wenn Sie den Nerv und die Grösse dazu haben, diese Tradition wiederaufleben zu lassen, dann tun Sie es bitte! Der Handkuss ist von angenehm distanzierter Intimität. Die (verblüfften) Damen werden Sie dafür hochachten, und nicht nur jene, die einen Hut tragen oder sich aus aristokratischer Pose zu fein dafür sind, sich von jedem im Gesicht abschmatzen zu lassen.

Nachfrage von Leser Giorgio M. vom So. 19.12.2010: 
Irre ich mich, aber haben Sie nicht einen ganz wichtigen Aspekt bei Ihrer Antwort auf die Frage vergessen, nämlich; Dass man beim Handkuss die Hand der Dame  N-I-E  berühren sollte. So habe ich es gelernt und so praktiziere ich es auch. Richtig oder falsch?  ;-)
 

Nachtrag von Leser C.P.O. vom So. 19.12.2010:
Lieber Herr van Rooijen, ich bin eifriger Leser ihrer Kolumne und amüsiere mich jeweils köstlich. Nun ist meiner Meinung nach dem Zeichner des Handkusses ein kapitaler Fehler unterlaufen: unter keinen umständen darf ein vollendeter Gentleman den Arm der Dame hochreissen und seine feuchten Lippen auf den Handrücken schmatzen. Er hat sich zur Hand bis zur Ellbogenhöhe runterzubeugen und nähert seine Lippen nur dem Handrücken, ohne diesen zu berühren.

Antwort des Autoren (und Zeichners) vom Mo. 20.12.2010:
Das ist sicher richtig, nur ist der dargestellt Handküsser, der Carla Brunis Hand hält, (ein leicht verfremdeter) Prinz Charles, und der beugt sich von Natur aus zu gar niemandem herunter. Deswegen die etwas missverständliche Illustration. Aber ich danke beiden LEsern herzlich für den wertvollen Hinweis!

Nachtrag von Leserin Margrit L. aus Pully:
Bei einer «Charmeschule», die wir anlässlich der Swissair-Hostessen-Ausbildung im 1959 besuchten durften, lernten wir: Handkuss nur in geschlossenem Raum und nur für verheiratete Frauen.

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Erhebt sich der Herr auch, wenn die Dame aufsteht?

In manchen Kreisen ist es üblich, dass die Herren am Tisch aufstehen, wenn eine Dame den Tisch verlässt bzw. wieder dazukommt. Ist dies noch zeitgemäss in unserer emanzipierten Zeit? Giorgio F., per E-Mail

Das kann man, wenn man höflich und förmlich sein will, auch heute noch so pflegen, und ein vollendeter Gentleman tut es, ohne darüber nachzudenken, es ist quasi sein natürlicher Reflex. Es ist aber sicher ein gewisses Augenmass geboten. Bei einem feierlichen Tête-à-tête würde ich fürs Aufstehen plädieren. In einer grösseren, vertrauteren Runde aber kann man, je nach Art des Lokals, auch einmal sitzenbleiben, wenn eine Dame sich kurz entfernt. Doch beim definitiven Verabschieden einer Dame ist es für einen Mann von Welt heilige Pflicht, sich vom Tisch zu erheben!

Kann man einen Anzug von Grösse 52 auf 48 korrigieren?

Ein paarmal im Jahr bin auch ich, 35, in der Situation, dass ich mich anständig anziehen sollte (Firmenessen, Feiern usw.). Bis anhin haben mir dabei die abgelegten, gut erhaltenen Anzüge meines Schwiegervaters gute Dienste geleistet. Nun habe ich aber zwanzig Kilo abgenommen und frage mich, ob mir ein Schneider die Anzüge (Grösse 52) so weit anpassen kann, dass sie wieder gut aussehen. Oder bleibt das ein Flickwerk? Walter F., per E-Mail

Ein Mann, der Grösse 52 trägt, wiegt vermutlich zwischen 85 und 95 Kilo. Sie haben also fast 20 Prozent dieses Gewichts abgebaut (Chapeau!) und werden neu eine Grösse 48 brauchen. Das sind zwei Kleidergrössen Differenz! Sogar für einen sehr talentierten Schneider wäre es eine ziemliche Herausforderung, Ihre Anzüge an diese Gegebenheiten anzupassen, denn Sie haben ja nicht nur Bauchumfang verloren, sondern es müssen alle vertikalen Linien, also der ganze Rumpf, die Schultern, die Ärmel und die Hose inklusive Beine verschlankt werden. Das ist eine Riesen-Bastelarbeit, die sich nicht lohnen dürfte. Gehen Sie lieber zum Konfektionär, und decken Sie sich neu ein.

Samstag, 11. Dezember 2010

Taschenuhr - immer mit Weste?

Aus einer Erbschaft habe ich eine Taschenuhr mit dazugehörender Kette erhalten. Da ich kein Gilet trage, habe ich die Uhr mitsamt Kette in die Brusttasche meines Vestons gesteckt. Meine Freundin meint aber, das gehe so nicht - es mache älter. Da ich schon ein gewisses Alter habe, muss ich Sie fragen: Macht mich diese Uhr wirklich noch älter? H. G., Basel

Eine Taschenuhr mit Kette gehört doch unbedingt in eine Weste - die ja jetzt wieder ganz modisch ist! Also geben Sie sich einen Ruck. Denn Sie können diese elegante, altmodische Uhr unmöglich so schnöde in die Jackentasche stecken, das wird dem guten Stück nicht gerecht. Einzige Alternative: Befestigen Sie die Kette an den Gurtschlaufen, und stecken Sie die Uhr in die Hosentasche. Kenner lassen sich dafür in der Hosentasche ein Extrafach nähen.

Diplomfeier an der LSE

Zur Diplomfeier unserer Tochter an der London School of Economics (LSE) in London möchte mein Mann mit Cashmere-Pullover, weissem Hemd und einer dunkelblauen Hose erscheinen. Ich dagegen meine, ein Anzug müsste für diesen festlichen Anlass her oder doch zumindest ein Kittel. Was meinen Sie? Leni B., Wil

Ich habe mich bei der LSE erkundigt und dort erfahren, dass man Wert auf eine gewisse Etikette zu den «Ceremonies» legt, die kommende Woche stattfinden. Die Studenten müssen etwa in einem ganz bestimmten Geschäft ihre langen Roben und Kappen mit dem quadratischen Schild erwerben. Auch darunter soll es chic aussehen, so die LSE: «Students should wear smart clothing under their gowns for this prestigious and important day.» Sie als Besucher des Anlasses, der übrigens gefilmt wird, sollten also auch eine gewisse Feierlichkeit an den Tag legen. Ein Smoking wäre too much, aber ein dunkler Anzug ist dem Anlass angemessen.

Mit Gläsern anstossen

Ein Freund hat kürzlich mit tadelndem Blick in kleiner Runde seinen Gästen erklärt, dass man für jede neu geöffnete Flasche miteinander die Gläser klirren lässt. Er lasse die Gläser sogar beim Businesslunch erklingen. Ich entgegnete, beides sei so überflüssig wie der in der Schweiz stark ausgeprägte Brauch, dass ein Chor von Zurufen an Gesundheit erschallt, wenn jemand niest. Wer hat recht? Marco F., Zürich

Sie haben beide recht - denn es gibt in dieser Frage keine scharfe Wahrheit, nur eine gefühlte. Wir meinen allerdings: Gläser lässt man nur im privaten oder hoch feierlichen Rahmen erklingen, und auch nur bei Tischrunden von bis zu sechs Personen. Bei grösseren Versammlungen wird's albern und mühsam, weil man dann aufstehen und herumgehen muss, um sich nicht grässlich zu verrenken. Besser wäre es da, sich nett in die Augen zu sehen und ein Prosit auszusprechen. Das noch: Jemandem Gesundheit zu wünschen, ist nie falsch. Einmal reicht jedoch, und sei der Niesanfall noch so heftig.

Sonntag, 5. Dezember 2010

Welche Gummistiefel?



Ich würde mir gerne ein Paar Gummistiefel anschaffen und brauche Ihren Rat, für welche ich mich entscheiden soll: Giesswein, Barbour, Rieter, Aigle . . . Welches sind die besten? Die Stiefel sollten auch nach mehreren Spaziergängen mit meinem Hund im Wald dicht sein, gut aussehen und warm geben. Auch sollten sie nicht unbedingt ein Vermögen kosten. Christina G., Küsnacht

Sie scheinen sich ja schon einmal umgeschaut und die wichtigsten Marken aufgestöbert zu haben. Vielleicht sollten Sie aber auch an Tretorn, Hunter und Le Chameau denken. Tretorn aus Schweden fertigt einen mässig eleganten, aber sicher warmen Stiefel mit Lammfellfutter namens «Frost». Hunter baut den am schönsten geformten Schaft, ausserdem trägt Kate Moss diese Marke. Und Le Chameau aus Frankreich, etwa mit dem gefütterten Modell «Clan Arctica», ist der Spezialist für die Insider. 

Nachfrage von Leser Paro B. vom 6.12.2010:
Wie sollen wir Männer zu diesem Schuhwerk stehen? Nicht zur Ausgabe vom Baumarkt, sondern zu qualitativ hochwertigen Stiefeln. Sind diese ein absolutes No-Go oder kann auch ein Mann mit Stil  beim Sonntagsspaziergang über Wald & Wiese Gummistiefel tragen oder bei schlechtem Wetter gar in der Stadt? Und wenn ja: haben Sie auch dazu Empfehlungen zur richtigen Marke?

Antwort des Stildoktors: Ja, klar können auch Männer Gummistiefel tragen - ich finde die schwarzen, nicht glänzenden Modell am schönsten, oder auch andere dunklen Farben. Für Männer müssen die Stiefel etwas mehr Sohle und Profil haben, damit sie nicht zu feminin wirken. Vielleicht müssen Sie auch nicht mal bis zum Knie reichen, so wie das Modell "Strala Vinter" von Tretorn, das ziemlich genau dem entspricht, wie ich heute einen Gummistiefel sähe.

Im Auto mit dem Mantel?

Jetzt ist sie zurück, die kalte Jahreszeit. Was macht man aber, wenn man mit dem Auto zur Arbeit fährt? Sich mit dem Mantel über dem Sakko hinter das Lenkrad klemmen? Dabei riskieren, dass bereits bei Ankunft im Büro Sakko und auch Hemd zerknittert sind? Oder doch lieber Mantel und Anzugsjacke auf den Rücksitz legen und die ersten Minuten frieren, bis die Heizung läuft? Michael M., Pfäffikon (ZH)
 
Ich spüre immer ein wenig Respekt beim Anblick von Menschen, deren Auto im Winter perfekt von Schnee freigeräumt ist und die entspannt im Hemd hinter dem Steuer sitzen. Wahrscheinlich Villenbesitzer mit beheizten Garagen! Dagegen empfindet man fast Mitleid mit Menschen, die mit Mantel, Mütze und Handschuhen fahren, weil ihre Karre draussen in der Eiseskälte stand. Aber: Mit einem Mantel fährt man nicht gut, also würde ich Ihnen zu den wattierten, teilweise doppelten Kurzjacken von Aspesi raten, die wie die Sakkos englischer Landlords aussehen, aber viel besser wärmen. Bekommt man nicht leicht, aber wenn Sie's gefunden haben, werden Sie es lieben!

Hut und Kapuze?

Für die Wintertage habe ich mir dieser Tage einen schönen Kurzmantel mit Kapuze aus Merinowolle angeschafft. Da ich bei Schnee gerne einen Hut mit breiter Krempe trage (den ich in Innenräumen selbstverständlich abnehme!), frage ich mich, ob beides zusammengeht: Hut und Kapuze? Urs K., Luzern

Beim gedanklichen Versuch, eine Kapuze über - oder unter! - einen Hut zu kombinieren, sehe ich vor dem geistigen Auge entweder Strassenwischer, Gleisarbeiter, Schafhirten oder Clochards. Bei allem Respekt vor diesen Berufsgattungen und Lebensmodellen - das ist kein Look, den man als urbaner Mensch bewusst kultivieren sollte!

Montag, 29. November 2010

Lange Handschuhe und Schmuck?


Ich habe eine Frage zum Stichwort «lange Handschuhe»: Soll ich zu einem Anlass die Uhr und den Fingerschmuck weglassen oder diese über meinen Handschuhen tragen? Mir gefällt das nicht so ganz, es scheint mir zu pompös. Gibt es dazu Vorgaben? Edith W., Zürich 


Mir scheint es auch zu pompös, fürwahr. Also hören Sie doch einfach auf Ihren Instinkt. So komplett ausstaffiert sähen Sie aus wie die englische Queen auf dem Neujahrsball. Lassen Sie doch für einmal Ringe und Uhr weg, und gönnen Sie sich einen umso schillernderen Halsschmuck. Und geben Sie richtig Gas bei den Schuhen, da wird kein Mensch mehr nach Fingerringen fragen.
Als Diabetiker muss ich mein Insulin immer dabei haben, weshalb ich eine Tasche mit mir trage. Gibt es eine, die adäquat ist für einen Anlass, der den Dresscode «black tie» vorschreibt? Rainer F., per E-Mail

Die richtige Tasche wäre eine mit Edelsteinen besetzte Clutch – allerdings für die Damen. Sie sähen in Ihrem Smoking wohl etwas eigenartig damit aus! Eine Akten- oder gar eine Kuriertasche gehen allerdings auch nicht, damit sähen Sie aus wie ein Journalist, der über den Anlass berichten muss. Aber warum lassen Sie sich nicht etwas auf Mass machen, etwa bei Peter Nitz in Zürich? Ich kann mir vorstellen, dass er eine kleine, kernige schwarze Lederhandtasche entwerfen würde, mit einem Smokingstreifen und einer Silberschliesse, die gleichzeitig festlich und maskulin wäre!

Dame oder Herr zuerst?

Wenn der Herr der Dame eine Tür aufhält, so dass die Dame zuerst vor dem Gastgeber steht, wird die Dame sicherlich zuerst vom Gastgeber begrüsst. Was aber, wenn Dame und Herr auf unterschiedlicher Hierarchie-Ebene stehen und die Dame auf tieferer Stufe? Geht diese dann trotzdem zuerst durch die Türe? Man sagt, dem Herrn Bundeskanzler habe man auch immer vor seiner Frau die Hand gegeben. Isabel F., Stuttgart

Begrüssungsrituale gehen des Öfteren in die Hosen. Dabei naht die Zeit der grossen Bälle und Zeremonien, und da sollte man in solchen Dingen schon etwas trittsicher sein. Grundsätzlich meine ich, dass man im privaten Umgang immer zuerst die Damen begrüssen sollte, ungeachtet ihres möglicherweise «geringeren» Ranges. Der begleitende Herr sollte den ersten Schritt hierzu aber nicht einfach deren Gegenüber überlassen, sondern «seine» Herzensdame vorstellen. Etwas komplexer ist es auf dem diplomatischen Parkett, wo es Protokollchefs gibt, die sich ganztägig ausschliesslich mit solchen Fallstricken beschäftigen. Schreiben Sie mir wieder, wenn Sie dort angekommen sind? Vielleicht kann ich dann auch noch etwas lernen.


Nachtrag 1 vom 30.11.2010:
Soeben erreichte uns die E-mail eines nicht namentlich genannt sein wollenden Schweizerischen Botschafters in einem südamerikanischen Land, der folgendes zur Präzisierung des Sachverhaltes beisteuert: "Ich bin "dort angekommen" wie Sie es nennen. Aber das bedeutet gar nichts. Aber ich kann Ihnen mitteilen, dass in der Diplomatie im offiziellen Verkehr immer zuerst die Person begrüsst wird, die die Funktion inne hat. Bedenken Sie aber, dass dies durchaus und immer mehr auch ein Dame sein kann. Dann ist die Begleitperson entweder ein Herr oder eine andere Dame. Eine weitere Variante (und auch immer mehr) ist diejenige mit zwei Herren." - Danke! Diplomatie live!

Nachtrag 2 vom 30.11.2010:
Leser E.F. in B. moniert die saloppe Sprache des obigen Beitrags: "Hat der Stilfachmann auch schon mal über seinen Sprachstil nachgedacht? "Begrüssungsrituale gehen des Öfteren in die Hosen." Was, wohin? Nein, das hat keinen Stil."

Sonntag, 21. November 2010

Wann nimmt der Herr den Hut ab?


Ist es heute Mode, dass der Herr in geschlossenen Raeumen den Hut aufbehaelt? Cécile U., Buonas

Das tun nur Barbaren und in stilistischen Dingen ungeübte Jungspechte, die sich der Mode und/oder Justin Timberlake wegen so ein Trilby-Hütchen gekauft haben und meinen, das dann immer und überall tragen zu müssen. Vielleicht haben Sie auch nur eine blöde Frisur unter dem Hut, das kann ja durchaus passieren. Natürlich nimmt der Gentleman beim Betreten jeder Art von Innenräumen (ausser Wartesälen und anderen zugigen Durchgangsorten) den Hut ab. Ausser man heisst Udo Lindenberg: Dann muss man (auch im Restaurant) den Hut aufbehalten, da man sonst vermutlich den reservierten Tisch nicht bekommt bzw. weil am nächsten Tag eine Glatze die Titelseiten der Boulevardblätter schmückt...

 

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Den Gatten zur Pensionierung begleiten?


Mein Mann wünscht, dass ich an seiner Verabschiedung in den Ruhestand teilnehme. Wohlgemerkt: Ich kenne die Arbeitskollegen nicht, weil nie eine geschäftliche Einladung erfolgte. Ich finde meine Anwesenheit bei der Verabschiedung deshalb deplaciert. Ist dem so? Eva Z., per E-Mail

Wenn es der ausdrückliche Wunsch Ihres Gatten ist, dass Sie ihn ein einziges Mal, nämlich das letzte, zu seinem Arbeitsort begleiten, so würde ich ihm diesen Wunsch nicht abschlagen. Natürlich wird Ihnen alles ein wenig fremd vorkommen. Aber jetzt, wo Sie Ihren Liebsten bald öfter sehen, sollten Sie vielleicht auch diese Facette seines bisherigen Lebens noch sehen. Die Chance haben Sie danach nicht mehr. Also entspannen Sie sich, atmen Sie tief durch, und dann mit Schmackes rein in den Schlamassel!

Hausschuhe für den Herrn


Um der Gefahr zu entgehen, als Gast in einer fremden Wohnung mit Socken herumlaufen zu müssen, nehme ich vorsichtshalber meine eigenen Hausschuhe mit. Darf man das? Und können Sie mir mitteilen, ob Sie eher Modelle von Bottega Veneta oder die mit Stickereien versehenen Samtslipper von Shipton & Heneage bevorzugen? Christof K., per E-Mail

Sie scheinen sich ja bestens in der Sache auszukennen, Monsieur. Ihr Verhalten ist prima, daran habe ich nichts herumzumeckern. Doch fragen Sie mich ganz persönlich, welche Art von Hausschuhen ich bevorzuge? Nun, die aus Tweed von Bottega Veneta waren schon super, aber sie sind nun kaputt, und das Modell gibt es dort leider nicht mehr. Dafür habe ich wildlederne Schönheiten mit Cashmere-Futter von Alpi Cashmere bei Grieder in Zürich gefunden. Ein Traum! Dagegen haben auch die geckenhaften Traditionsmodelle aus England keinen Stich.

Nachtrag vom 5.12.2010 von Leser R. Stutz:
Mit dem Thema, als Gast Slippers in einer fremden Wohnung zu tragen, begeben Sie (bzw. der Fragesteller) sich auf dünnes Eis. Wird als Gast Slippers getragen, bedeutet dies eigentlich, dass man mit der Dame des Hauses ein Verhältnis hat. Wenn es ein informeller Anlass unter Freunden ist, sollten Socken (ohne Löcher notabene) kein Problem sein. Andernfalls mit Strassenschuhen auf der sicheren Seite bleiben. R. Stutz

Sonntag, 14. November 2010

Wo gibts runde Brillen wie Le Corbusier sie trug?


Seit Jahrzehnten trage ich runde, schwarze Brillen (mit korrigierten Gläsern). Diese gehören einfach zu mir, sie sind mein Markenzeichen. In Fachgeschäften scheint es aber immer schwieriger zu werden, solche Brillen zu finden. Können Sie mir eine Adresse verraten? 
Esther L., Bern 

Witzig, dass Sie gerade jetzt diese Frage stellen, denn letzten Samstag habe ich das Modell «Kalder» von Oliver Peoples probiert und fand, es sei nach Jahren vielleicht wieder einmal Zeit für ein solches rundes Modell! Und ich habe unlängst bei E. B. Meyrowitz an der Place Vendôme in Paris wunderbare Brillen vom Typus Le Corbusier gesehen - die stellen dort seit Jahrzehnten solch runde Nasenvelos her, auch auf Mass. Allein das altehrwürdige Geschäft lohnt schon eine Reise nach Paris.

PS. Nachtrag der Redaktion, für alle Berner: Der in Frau L.'s Stadt tätige Optiker Bärtschi hat sich gemeldet und reklamiert für sich, auf dem Gebiet der runden Brillengestelle der Platzhirsch zu sein. Adresse: Zeiglockenlaube 6.

PPS: Nachtrag vom 25.1.11: Auch Volz Optik in Schwarzenburg hat "die schwarze Runde", auch auf Mass, im Angebot und schickte uns zum Beweis dafür ein ansprechendes Bild.

Welche Weingläser muss man haben?

Meine Alltags-Weingläser stammen aus der Studentenzeit und sind keines Weines würdig. Mutiert zu einer Weinliebhaberin, bin ich nun auf der Suche nach einem Alltags-Weinglas: formvollendet, pflegeleicht und für verschiedenste Weine verwendbar. Auf welches Glas ist da Verlass? Claudia K., Bäch (SZ)

Unser Weinfachmann Peter Keller meint: «Ein Glas für jeden Wein gibt es nicht.» Es müsse auf jeden Fall dünn geblasen und eiförmig sein, damit sich die Aromen entfalten könnten. Konkret empfiehlt er ein Weissweinglas und ein etwas grösseres Rotweinglas von einer Manufaktur wie Riedel, Spiegelau oder Schott-Zwiesel. «Wer Bordeaux liebt, kann auch auf ein Glas mit bauchiger Form nicht verzichten», sagt Keller, der im Januar 2011 ein Leser-Seminar für Weingläser durchführt. Vielleicht wollen Sie ihn dort besuchen? Ich persönlich kann Ihnen auch Alfredo Häberlis Serie «Essence» für Iittala empfehlen - die Dinger sind nicht kaputtzukriegen, sehen chic aus, und der Wein schmeckt darin auch super. Bei mir zumindest.

Unterhemd unter dem Hemd?

Mit sinkenden Temperaturen und zunehmendem Alter, 63, habe ich begonnen, Unterhemden zu tragen. Besonders bei weissen Hemden scheinen die Unterleibchen aber durch, was mir nicht gefällt. Was empfehlen Sie? Franz S., per E-Mail

Sie können entweder ein ganz, ganz feines Unterhemd wählen, etwa die unerreichte Richelieu-Qualität des Schweizer Herstellers Zimmerli, die eng am Körper anliegt und sich deshalb kaum abzeichnet. Oder Sie wählen, gerade in der kälteren Jahreszeit, etwas festere Hemdenstoffe, etwa einen körnigen und trotzdem eleganten Oxford-Stoff, ein sportliches Chambray-Gewebe oder - warum auch nicht! - einen gerauten Flanell. Es muss ja nicht immer das Standard-Businesshemd sein!

Sonntag, 7. November 2010

Soll man sich gegen Kaugummi-Kauende wehren?

Wenn in meiner unmittelbaren Nähe jemand mit offenem Mund Kaugummi kaut, werde ich beinahe zur Totschlägerin im Affekt. Leider scheint diese Unsitte aber zum Standard zu werden, kennt keine Altersgrenzen und macht auch vor Personal in Läden nicht halt. Darf ich mich wehren? Margrit W., La Neuveville 

Diese Frage scheint mir geradewegs aus den fünfziger Jahren zu kommen. Damals muss man sich noch fürchterlich über die neumodischen Kaugummis aufgeregt haben. Ob Sie sich nun gerade wehren müssen, sei dahingestellt, doch würde ich sagen: Kommentieren dürfen Sie es sicher. Aber bitte: Denken Sie sich einen netten Kommentar aus. Höflichkeit schmerzt manchmal viel mehr als Gehässigkeit.

Partner-Look zur Hochzeit?

An einem Hochzeits-Apéro ist mir aufgefallen, dass zwei Paare sich solchermassen gewandet hatten, dass die Krawatte des Herrn in der gleichen Farbe gewählt war wie das Kleid der Dame. Ist das ein neuer Trend, den es bei der nächsten Hochzeit zu beachten gilt? Marianne I., Wettingen 
 
Was Sie beobachtet haben, sieht man an solchen Anlässen immer wieder, und es ist von eigenartigem Liebreiz, denn es ist ein Trick, den vor allem in Anziehfragen sonst nicht so beschlagene Menschen anwenden, um sich im Getümmel des nächtlichen Festrausches auch wiederzufinden. Anders kann man sich solch devote textile Markierungen ja wirklich nicht erklären

Jeans zerschneiden?

Ist das eigentlich stylisch oder uncool, wenn ich (als 15-Jährige) in meine Jeans extra Löcher schneide? Ich finde es im Winter schön, wenn farbige Strumpfhosen hervorblitzen. Im Laden würde ich nie zerschnittene Jeans kaufen, aber wenn man sie selber zerschneidet, finde ich das okay. Was ist deine Meinung? Carmen B., Winterthur

Hoppla, wie schön, wieder mal geduzt zu werden, dazu von einem Teenager! Willkommen im Klub, junge Dame - man kann tatsächlich nie früh genug mit dem Training anfangen. Zwar meine ich, dass es für Adoleszente bis zu etwa 22 Jahren eine Art Stil-Narrenfreiheit geben muss - in diesem Freiraum darf jeder experimentieren und sich blamieren, wie es ihm beliebt. Insofern können Sie von mir aus auch gerne Ihre Jeans kaputtschneiden. Ich finde das zwar nicht chic, aber vielleicht sieht es ja an Ihnen doch nett aus. Falls jemand dumme Kommentare abgibt: Sagen Sie einfach, Sie seien die erste Vertreterin einer neuen Mikro-Style-Revolution. Mit etwas Online-Self-Promotion kann so etwas zum Flächenbrand werden - vorausgesetzt, Sie haben das Zeug zum Trendsetter.

Sonntag, 31. Oktober 2010

Müssen es zum Rock oder Kleid immer Strümpfe sein?

Ich höre immer wieder, es sei ungehörig, wenn eine Frau ein Kleid ohne Strümpfe trage. Ich dachte, dass nur die Amerikaner so streng und prüde seien. Strümpfe sind für mich manchmal einfach nur höllisch unbequem! Nuria I., Schwerzenbach

Bei den Amerikanern und in manchen sehr amerikanisch geprägten Unternehmen ist es offenbar auch heute noch so, dass man Damen, die im Beruf einen Rock oder ein Kleid tragen, vorschreibt, dazu Strümpfe zu tragen. Darüber lachen sich die Französinnen natürlich schief, denn in ihrem Kulturkreis scheint es fast eine Art Wettkampf zu geben, wer's auch im tiefsten Winter mit nackten Beinen in offenen Schuhen aushält. Ich lache da gerne mit, denn ich finde ein unbekleidetes Bein weder anstössig noch unelegant. Allerdings gilt dies nur für schöne, gepflegte Beine, alle anderen «Hax'n» steckt man tatsächlich besser in einen kaschierenden Strumpf.

Wienerli im Teig zum Dinner?

Wir haben ein befreundetes Paar zu einem «einfachen» Nachtessen eingeladen. Um mit der Pasta-Tradition zu brechen, haben wir uns für Wienerli im Teig, Gratin und Salat entschieden. Darf man Freunden so etwas servieren, oder riecht dies nach klammer Haushaltskasse? Philippe G., per E-Mail

Man soll zu Hause so sein und leben, wie es einem gerade beliebt. Authentizität ist wichtiger als gesuchtes Raffinement. Kürzlich war ich bei einem grossartigen Schlossherrn und Gentleman in Belgien (Sie werden hier noch davon lesen), der sich zum Interview die Schuhe auszog und die Füsse aufs Sofa legte. Sehr entspannt. Sie können also von mir aus ganz locker zur Tat schreiten und Ihr Januarloch-Menu auftischen. Mich würde es dann allerdings freuen, wenn Sie es auf dem schönsten Tischtuch, mit dem besten Geschirr und dem noblen Tafelsilber täten. Als Kontrast. Dazu ein dunkles Bier oder einen vorzüglichen Rotwein. Ich bin dabei, wann steigt die Party?

Zwei Taschentücher müssen es sein!

Ihre Antwort an Leserin Irene R. von letzter Woche bedarf aus meiner Sicht der Ergänzung: Der Gentleman hat stets zwei Taschentücher dabei; das eine zieht er blütenfrisch aus der inneren Sakkotasche, das andere steckt zum Naseschnäuzen in der Hosentasche. Am Folgetag wandert das Taschentuch aus dem Sakko in die Hosentasche, sofern es nicht anderweitig genutzt wurde.
Das Sakko wird mit einem neuen, bügelfrischen Taschentuch bestückt. Wirklich komfortable Taschentücher sind aus Leinen mit handrolliertem Saum. Thomas W., Bern


Ich ziehe meinen Hut, werter Gesinnungsgenosse, und bedanke mich fürs Mitdenken! Es ist gut, zu wissen, dass man mit seinem Bemühen um ein bisschen mehr Eleganz und Galanterie nicht allein ist.

Sonntag, 24. Oktober 2010

Wo gibt's winterfeste Stiefel?



Seit Jahren plage ich mich nun schon mit der Suche nach dem idealen Winterstiefel. Ich möchte ja nur einen Stiefel, der schön ist, beim zweiten Tragen nicht schon in seine Einzelteile zerfällt, und aus Leder sollte er auch sein. Etwas Absatz wäre bei meiner Grösse (1,60 m) auch nicht schlecht, dazu etwas Profil, so dass ich das kommende Schneewetter in Anstand und Würde bewältigen kann. Gibt es so etwas, oder muss ich mir eine Heimarbeit suchen? Anina I., Oberwil
 
Die Einkaufsstrassen dieser Welt sind doch mit Schuhboutiquen voll gepflastert! Allerdings bekommt man dort - da haben Sie tatsächlich recht - oft nur hochmodische Billigware mit kurzer Verfallsdauer. Ich würde also den erfahrenen Spezialisten aufsuchen, etwa den Wiener Meisterschuhmacher Ludwig Reiter. Er hat auch einen Laden in Zürich. Sein Schuhwerk ist sicher etwas weniger «glamourous», hält aber bei guter Pflege zwei Dutzend Winter lang. Auch das Zürcher Warenhaus Jelmoli hat anscheinend eine überraschend gut sortierte neue Schuhabteilung. Das sagt nicht die Werbe- oder Marketingabteilung von Jelmoli, sondern meine Gattin, die eine mittelschwere Form von Schuhsucht hat. Und auf ihren Rat kann man in der Regel sehr gut bauen.

Ihre Fragen, bitte!

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Stoff- statt Papiertaschentuch?

Mein Mann hat immer ein weisses Stofftaschentuch in der Hosentasche. Ich frage mich, ob das noch zeitgemäss ist, da es diese kaum mehr zu kaufen gibt. Hat ein Mann von Stil heute ein Päckchen Tempo-Tücher dabei? Irene R., per E-Mail

Es ist wohl wahr: Der Wegwerfartikel hat auch hier das ökologische und nachhaltige Traditionsprodukt verdrängt, obwohl der Schnuderlumpen aus Papiervlies eindeutig weniger elegant ist als ein weisses Baumwoll-Nastuch. Täglich ein frisches Taschentuch, bei Erkältung gerne auch öfter, ist selbst für Männer, die noch nicht im Rentenalter sind, ein stilvolles Accessoire. Man kann es zwar nicht galant seinem schniefenden Gegenüber anbieten, aber dafür hängen einem nach dem Schnäuzen auch gewiss keine indignierenden Papierfussel an Oberlippe oder Kinn wie bei einem «Tempo».

Barbaren in der S-Bahn

Wenn in der S-Bahn der Eingang zum Waggon versperrt ist, weil die Passagiere sich nicht zu einem freien Platz begeben, darf man diesen dann sagen, dass sie den Eingang versperren? Und wenn jemand einen halbleeren Becher stehen oder einen Haufen zerfledderte Zeitungen liegen lässt, darf man ihm hinterherrufen, den Abfall bitte wegzuräumen? Beat M., Zürich

Verschränken Sie dabei dann die Arme, plustern Sie sich auf, und brüllen Sie wie ein Guantánamo-Lagerkommandant herum? Ich hoffe, Sie werden sich etwas beherrschen können. Denn auch im Umgang mit Barbaren und Ignoranten bleibt der Gentleman gefasst. Begehren Sie also in freundlichen Worten um Einlass. Man wird staunend zur Seite treten und Sie vorbeilassen. Und im Fall des Müllhaufens wär es doch wesentlich souveräner, wenn Sie dem Täter nicht hinterherrufen, sondern ihn ihm nachtragen und ihm kurz vor dem Aussteigen mit dem Hinweis in die Hand drücken, er habe diese Sachen bestimmt versehentlich liegen gelassen.

Sonntag, 17. Oktober 2010

Wir brauchen wieder steifere Kragen!

Immer mehr Männer tragen nun auch zum Anzug kaum noch Krawatte - auch ich gehöre dazu. Mir fällt aber auf, dass bei manchen Männern der Hemdkragen schlaff und «lampig» aussieht. Nach meiner Meinung müsste der Kragen umso steifer sein, wenn keine Krawatte getragen wird. Marc B., Lugnorre

Ich stimme Ihnen vollkommen zu und muss nun meinen Kleiderschrank umrüsten. Die sehr weichen, ungestärkten Herrenhemdkragen, welche nun eine Weile Mode waren und die auch ich sehr gerne mochte, «tauchen» ohne Krawatte tendenziell unter das Revers des Sakkos weg, und das sieht tatsächlich gar nicht gut aus. Es müssen also wieder etwas steifere Krägen her!

Verliert man ohne Krawatte seine Glaubwürdigkeit?



In meiner ziemlich grossen Verwaltungseinheit tragen die «Obersten» meistens eine Krawatte, die direkt unter dieser Stufe Beschäftigten ab und zu einen Schlips und 98 Prozent des restlichen Personals verzichten ganz darauf. Neue Mitarbeiter, die in ihrem früheren Job Krawatte trugen, «fallen» meist innert Tagen um. Verlieren Sie damit auch ihre Glaubwürdigkeit? Ruedi G., Bern

Nicht unbedingt. Denn die Krawatte steht nicht mehr so absolut für Seriosität wie einst. Sie ist oft leider nur mehr eine Konvention, ohne Begeisterung getragen. Die Männer mögen den Schlips grossmehrheitlich nicht mehr, und deshalb entledigen sie sich des Übels, sobald sie sich in einem sicheren sozialen Rahmen fühlen. Sie verlieren also eher ihr Rückgrat als ihre Glaubwürdigkeit.

Lust an der Krawatte

Sie empfahlen kürzlich eine Krawatte für alle Lebenslagen, in denen Professionalität und Demut gefragt sind. Aber was gilt für den Grenzbereich zwischen aussergewöhnlicher und alltäglicher beruflicher Situation, also für eine besondere Sitzung oder einen Lunch-Termin? Tobias G., Brugg

Wenn Sie eine Krawatte schön finden, sie mit Stolz tragen und Spass an Farben haben, können Sie sich auch am Sonntagmorgen zum Frühstück eine umbinden! Im Übrigen lassen Sie sie weg, denn uninspiriert getragene Krawatten sind noch schlimmer als gar keine. Motivation ist das entscheidende Stichwort!

Krawatte zum Vorstellungstermin?

Ist es in jedem Fall ein Must, bei einem Vorstellungstermin eine Krawatte zu tragen? Ich habe für meinen Fall Nein gesagt, und geschadet hat's offenbar nicht, denn ich habe den Job bekommen. Oder sind meine neuen Chefs Stilbanausen? Theo S., Chur

Ihre Chefs sind eher auf der Höhe der Zeit. Sie haben erkannt, dass sie hinter solche Standards gucken müssen, um den Menschen zu sehen. Vielleicht haben Sie den Job, weil Sie ohne Schlips authentisch und entspannt waren.

Donnerstag, 14. Oktober 2010

Ungefütterte Lederhandschuhe



Ich würde gerne wissen, ob ungefütterte Lederhandschuhe im Herbst angebracht sind oder sehr altmodisch wirken. Gérard N., per E-Mail

Ich muss sagen, dass ich mir dazu - wohl im Gegensatz zu Karl Lagerfeld! - kaum Gedanken gemacht habe. Aber klar, nicht alles im Leben ist mit Seide ausgeschlagen. Schön wäre es schon. Und deshalb würde ich, wenn immer möglich, gefütterte Handschuhe tragen. Weil es mir angenehmer erscheint und weil sie auch besser wärmen. Was nicht heisst, dass ungefütterte Handschuhe «unangebracht» wären! Allerdings nur, solange sie nicht fingerlos sind. Das sollte Karls Spezialität bleiben.

Ihre Fragen, bitte!

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Hoch- oder Dialektdeutsch?

In der Schweiz trifft man immer wieder auf Deutsche, die vielleicht erst seit Tagen oder seit mehreren Jahren hier leben. Darf oder soll man mit ihnen, ihr Sprachverständnis vorausgesetzt, schweizerdeutsch sprechen, oder ist auch da Hochdeutsch angebrachter? Andreas I., per E-Mail

Ich persönlich finde es eigenartig, wenn man mit seinem Gegenüber in zwei ähnlichen, aber doch verschiedenen Sprachen Konversation betreibt. Von Schweizern dürfte man doch erwarten, dass sie auch die entsprechende Hochsprache beherrschen. Sie müssen ausserdem bedenken, dass es für Deutsche manchmal schwierig ist, Dialekt zu verstehen, vom Sprechen ganz zu schweigen. Das sollte man ihnen nicht als hochnäsige Geste von Abgrenzung oder kultureller Überlegenheit auslegen. Umgekehrt sind die meisten Deutschen aber total entspannt, wenn Sie bei Ihrer Mundart bleiben. So gravierend sind die Unterschiede ja dann doch nicht.

Dunkle Hemden, Teil 2

Ihr dezidierter Rat bezüglich dunkler Hemden zu dunklem Anzug hat mich gleichermassen amüsiert und beunruhigt, denn auch ich trage manchmal einen dunkel-anthrazitfarbenen Anzug mit einem zwar helleren, aber eben auch anthrazitfarbenen Hemd. Bin ich, trotz Wohnsitz mitten in der Stadt, ein Provinz-Affe? Muss ich, da meine in der Regel sehr stilbewusste Ehefrau kein Veto eingelegt hat, wirklich dieselbe wechseln? Eine zweite Frage betrifft die Ärmellängen von Anzug und Hemd: Sollte der Ärmel des Anzugs deutlich kürzer sein als derjenige des Hemdes? Matthias S., Zürich

Wozu ich vor zwei Wochen aufrufen wollte, war nicht, jetzt massenhaft Beziehungen zu kündigen, sondern die Kombination von Hemd und Anzug zu überprüfen, damit man smart aussieht. Ich meine: Das Hemd muss heller sein als der Anzug. Und das ist bei Ihnen, lieber Stadt-Affe, problemlos erfüllt. Zum zweiten Thema: Ja, die Hemdmanschette sollte bis zur Daumenwurzel reichen und durchaus «deutlich», also zirka zwei Zentimeter, aus dem Vestonärmel herausschauen.

Donnerstag, 7. Oktober 2010

DER SCHWEIZER SHOPPING-GUIDE

Okay - ich habe verstanden: Balmain, Balenciaga, Gucci oder Prada sind Ihnen zu teuer und statusbeladen. Kann man verstehen, die Zeiten ändern sich ja auch. Und leider hat der Verkaufspreis eines Kleidungsstücks heute oft nicht mehr viel mit dem realen Produktionsaufwand zu tun, sondern ist ein Instrument zur Profilierung und Positionierung geworden. Es gibt eine Menge Mode, die viel zu teuer ist und sich übers „trading up“ ein Design-Image zugelegt hat, hinter dem nicht viel steckt - und es gibt auch gigantische Mengen Klamotten, die schlicht und einfach wertlos sind.
Zudem haben sich viele Menschen mit Labels und Trendzeug längst die Hörner abgestossen und kommen in einen Lifestyle, in der langfristigere Werte wichtiger werden. Sie suchen nach Qualität, die ihren Preis wert ist. Das Ziel kann also nicht sein, möglichst billig einzukaufen, sondern möglichst richtig. Was also bleibt, das man trotzdem mit Lust anschaffen kann? Ein Paar nützliche Tipps

Billiganbieter mit teilweise stilvollen Sortimenten:

Zara ist von den schnellen Billiganbietern derzeit der „erwachsenste“ und der mit dem sichersten Gefühl für Stil - allerdings muss man sich strikt an die „bessere“ Linie halten, die „Studio“ heisst. www.zara.com

Massimo Dutti ist die „Brave-Bürger-Variante“ von Zara - weniger fancy und modisch, eher auf günstige, aber ordentlich gemachte Klassik bedacht. In Zürich an der Bahnhofstrasse. www.massimodutti.com

H&M hat immer wieder mal Trouvaillen, man soll sich aber in grossen Filialen eindecken, die auch wirklich die etwas besser gestylten Trendsortimente haben. Im Auge behalten sollte man auch die angekündigte Kollaboration mit dem Toplabel Lanvin. www.hm.com

COS ist ein Budgetkonzept mit Stil von H&M, gibt es aber leider bis jetzt erst in Deutschland, etwa in Berlin und München. www.cosstores.com

Stilvolle Marken der Mitte:
Marc Cain aus Süddeutschland, www.marc-cain.com
Drykorn aus Kitzingen, www.drykorn.com
Closed ist wieder zurück im Rennen! www.closed.com
Schumacher ist feminin und zahlbar, www.dorothee-schumacher.com
Steffen Schraut, www.steffenschraut.com
Hannes Roether aus München, www.hannesroether.de
Humanoid aus Holland macht Super-Jerseysachen, www.humanoid.nl
Stefanel strickt hervorragend und günstig, www.stefanel.com
Isabel Marants Zweitlinie „Etoile“ ist cool und zahlbar, www.isabelmarant.tm.fr
Filippa K. aus Schweden, www.filippa-k.com
Acne Jeans aus Schweden, www.acnestudios.com
Forte Forte aus Italien, www.forte-forte.com

Schweizer Mode- und Warenhäuser im mittel- bis hochpreisigen Segment:
Feldpausch führt viele anständige deutsche Labels, www.feldpausch.ch
Ciolina in Bern hat Teures, aber auch Mittelpreisiges, www.ciolina.ch
Globus mit seinen zeitlosen „Essentials“, www.globus.ch
Jelmoli hat seine Flächen komplett neu gestaltet, www.jelmoli.ch
Grieder hat in seiner „Viva“-Abteilung modische Zweitmarken, www.bongenie-grieder.ch


Innovative Schweizer Boutiquen mit originellen Marken:

Fidelio in Zürich hat Hunderte von Marken - einige davon sind okay, aber am preisbewusstesten kauft man im Fidelio 2 bzw. im neuen „3“, www.fideliokleider.ch

Vestibule in Zürich kleidet alle coolen Frauen ein, etwa mit Alexander Wang, Hope oder Forte Forte, www.vestibule.ch

Apartment in Zürich hat etwa A.P.C., Christensen du Nord und Loft, www.apart-ment.ch

Maud in Zürich hat See by Chloé und Ally Capellino, www.maud.ch

Stereo Fashion im Zürcher Seefeld setzt auf mittelpreisige Marken wie Drykorn und Closed, www.stereofashion.ch

Komplementair in den Vidaduktbögen Zürich hat günstige und schöne Accessoires, www.komplementair.ch

Monadico in Zürich hat Schuhe von Moma, Melissa oder Ixos, www.monadico.ch

Die Boutique Roma in Zürich und St. Gallen hat ausser extremer Avantgarde auch zahlbare Basics wie etwa von James Perse aus L.A., www.boutique-roma.ch

Looq in Zürich ist nicht gerade preisgünstig, aber hat elegante und ungewöhnliche Dinge, die eine Weile gut bleiben, www.looq.ch

Pesko in Lenzerheide verkauft etwa Allude und Brunello Cuccinelli, www.pesko.ch

Kitchener in Bern verkauft etwa Acne und Bensimon, www.kitchener.ch

Set & Sekt in Basel hat Acne, Helmut Lang oder MM6, www.setandsekt.com 

Boutique Wicky in Basel hat keine Website, aber brauchbare Mode. Brunngässlein 8

Ademås in Winterthur verkauft moderne Klassik im Untergeschoss, www.ademas.ch

Der 7. Himmel ist Luzerns erste Adresse, mit Acne oder Griesbach, www.7himmel.ch

Schweizer Designer von erwachsener Klasse: 
Paradis des Innocents, www.paradisdesinnocents.com
Dorothee Vogel, www.dorotheevogel.com
Ida Gut, www.idagut.ch
Simple by Magdalena Ernst, www.magdalena-ernst.ch
Maria van Rensen, www.mariavanrensen.ch
Ana Blum Accessoires, www.anablum.com
Griesbach aus Winterthur machen ansprechen Taschen, www.griesbachweb.com
Stephanie Pothen, www.stephaniepothen.ch
Nina van Rooijen, derzeit bei Globus, http://ninavanrooijen.blogspot.com


Handwerklich tolle Luxusklasse - nicht günstig, aber rechtschaffen:
Hermès, www.hermes.com
Lanvin, www.lanvin.com
Bottega Veneta, www.bottegaveneta.com
Und natürlich unser Schweizer Toplabel Akris, www.akris.ch


Hinweis für Bezugsquellen:
Lokale Adressen und Telefonnummern finden sich jeweils über die angegebenen Websites der Modehäuser/Designer.

Eine PDF-Version dieses Textes ist auf Wunsch auch abrufbar, bitte melden Sie sich hier an.

Hinweis des Autoren:
Die Liste ist subjektiv und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Anbieter, die sich in diesem Rahmen übergangen fühlen sind gebeten, sich zu melden: jvr@nzz.ch.

Sonntag, 3. Oktober 2010

Ihre Fragen, bitte!

Ihre persönlichen Fragen senden Sie an jvr@nzz.ch - die Zuschriften werden auf Wunsch der Fragesteller anonymisiert.

Samstag, 2. Oktober 2010

Casual-Stil: Autistische Selbstinzenierung

Wo sieht man heute - abgesehen von Bankern in dunklen Anzügen - noch wirkliche Eleganz und Dezenz? Der Mann trägt Tätowierungen, Turnschuhe, Jeans und Sporttasche. Dabei steckt hinter dieser textilen Ausstaffierung ja nicht einmal mehr eine politische oder gesellschaftliche Botschaft, sondern nur autistische Selbstinszenierung. Selbst in den Tempeln bürgerlicher Kultur macht sich dieser verschlarpte Habitus breit. Bin ich zu pessimistisch? Ulrich S., Zürich 

Sie sollten an der Sonne spazieren gehen und sich freuen, dass sich die Welt nicht nur dreht, sondern auch verändert. Sie ist weniger steif und förmlich als vor vierzig Jahren, und das ist gut so. Dass dabei leider auch Tonnen von Textil- und Bekleidungskultur den Bach runtergegangen sind, ist zwar schlimm. Doch richten Sie Ihren Fokus auf das, was erhalten geblieben ist, und versuchen Sie mit gutem Vorbild, Traditionen lebendig zu halten. Mehr können wir beide nicht tun.

Wo gibt es gute, günstige Boutiquen?



Ich bin eine Frau Mitte 30, die nicht jeden Modetrend mitmachen will. Ich trage bei einer Grösse von 171 cm die Konfektionsgrösse 38. Also ganz normaler Durchschnitt. Nun bin ich auf der Suche nach einem Modegeschäft in Zürich, das zeitlose, aber stilvolle Mode für den Alltag anbietet, die bezahlbar ist. Die Mode von Akris gefällt mir sehr gut, nur leider liegt sie nicht in meinem Preissegment. Haben Sie einen Tipp? Nicole R., per E-Mail 

Sie wollen mich in Teufels Küche bringen! Denn wenn ich jetzt eine ganz bestimmte Boutique in Zürich nenne, dann rennen mir die anderen in den kommenden Tagen die Türen mit Beschwerden ein. Ich sage nur: Die klassische «Mitte» ist zwar der grösste, aber am sträflichsten vernachlässigte Teil des Modemarktes. Es gibt ganz tolle Billigheimer und absurd teure Luxusanbieter von Weltrang. Aber eine Mode, die sinnvoll, stilvoll und bezahlbar ist, die findet man schwer. Machen wir es so: Ich publiziere Ihnen online in den nächsten Tagen ein paar konkrete Tipps - Adresse siehe unten.


Anmerkung der Redaktion: Adressen folgen in den kommenden Tagen! Grüsse aus Paris ...

Sind Chinos ein Must?

In deutschen Zeitschriften lese ich immer wieder von Chinos und dass sie in keiner Männergarderobe fehlen dürfen. Gilt das auch für die Schweiz? Wie nennt man diese khakifarbene Hose hierzulande? Und auf was muss ich beim Kauf achten? Matthias A., Pfäffikon 

Die Zeiten, in denen Stilempfehlungen vor Landesgrenzen haltmachten, sind im vereinten Europa, zu dem ich ganz unpolitisch auch die Schweiz zähle, seit langem vorbei. Was also für Baden-Württemberg, Bayern und nördlichere Gefilde als Rat ausgegeben wird, darf sicher auch von den stolzen Eidgenossen beherzigt werden. Chinos sind robuste Baumwollhosen, welche früher die Wüstensoldaten trugen und die seit sechzig Jahren absolute Klassiker sind. Sie sind meist von Dockers, aber neuerdings auch von Closed, die sehr coole Chinos machen: oben bequem, am Bein schmal.

Sonntag, 26. September 2010

Welche Tasche braucht ein Mann?

Aus zahlreichen Gesprächen weiss ich, dass viele Männer - wie Frauen auch! - ein «Taschenbedürfnis» haben. Handy, Portemonnaie, Zigaretten und so weiter müssen ja irgendwo verstaut sein. Für uns Männer sehe ich allerdings keine praktische und ästhetische Lösung - kennen Sie eine? David K., per E-Mail
 

Ich verspüre auch ein ganz starkes, seit längerem ungestilltes «Taschenbedürfnis», lieber Leser. Doch bisher habe ich keine Bedürfnisanstalt gefunden, die sich lückenlos um das Problem kümmert. Das Herrenhandtäschchen mit Handschlaufe, welches man in den siebziger Jahren zu etablieren versuchte, ist ja nicht wirklich eine Option. Sogar die Gebrüder Freitag lassen ihren entsprechenden Exoten «Horst» (benannt nach Derrick) wieder auslaufen. Die oft in peinlicher Sprachverdrehung «Body-Bags» genannten Leibtaschen sind genauso wenig opportun wie Bauchbeuteltaschen. Ihnen bleibt nur eine Aktentasche oder eine flache, elegante und nicht zu sportive Umhängetasche, am besten aus Leder oder dunklem Canvas. Denn auch Rucksäcke sind nichts für Männer, die über 20 Jahre jung sind.

Ihre Fragen, Ladies and Gentlemen!

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Ist der Bräutigam der einzige mit weissem Hemd?

Ich bin zu einer Hochzeit eingeladen. Ich trage einen dunkelblauen Anzug und möchte dazu ein weisses Hemd tragen. Meine Frau meint, dass nur der Bräutigam ein weisses Hemd tragen darf. Wie lautet ihre Stilregel in diesem Fall? Und wie «knallig» darf die Krawatte sein? Daniel T., Oberbüren 
 
Sie sollten die Frau wechseln. Denn sie versteht offensichtlich nicht viel von Stil, oder, noch schlimmer: Sie will, dass Sie sich mit einem dunklen Hemd zum Provinzaffen machen. Sprechen Sie dringend ein strenges Wort mit ihr. Ein weisses Hemd ist zu einer Hochzeit auch für die Gäste fein, festlich und richtig. Es ist sogar fast das einzige Hemd, das passt, denn hellblau sähe zu sehr nach Business aus. Und alle anderen Farben sind für die Krawatte reserviert. Die darf zum Fest ruhig ein bisschen Power haben, aber bitte: Immer im Rahmen dessen bleiben, was Sie auch an anderen nicht zum Lachen bringen würde.

Raucher in der Nichtraucherwohnung

Ist es unhöflich, einen Gast zu bitten, vor der Haustüre oder auf der Terrasse zu rauchen? Wir sind Nichtraucher. Karin S., per E-Mail
 
Wenn Sie als Nichtraucher zu Hause dasselbe tun wie die meisten vernünftigen Gaststätten, nämlich die Raucher an die frische Luft schicken, dann haben Sie hierfür meine volle Unterstützung. Das ist nicht frech und auch nicht kleinlich, sondern nur logisch. Es steht ihren Gästen ja frei, einfach ganz aufs Rauchen zu verzichten!

Sonntag, 19. September 2010

Wann ist eine Frau "overpearled"?

Im Zug sah ich eine Frau mit zwei kleinen Kindern. Sie trug Perlen im Ohr, eine Perlenkette um den Hals und eine Perlenkette am Handgelenk. Meine Frau und ich fragen uns nun: Kann man auch «overpearled» sein? Hans F., St. Gallen

Instinktiv würde man jetzt sagen: Perlen trägt man eher zu besonderen Gelegenheiten, denn die Dinger sind ja durchaus empfindlich. Andererseits: Perlen bleiben am schönsten, wenn man sie trägt. Und wer weiss, vielleicht war dieser Ausflug mit den zwei Kleinen ja für diese Frau ein ganz besonderer Moment? «Overpearled» ist ein reizendes Wort, und tatsächlich klingt die von Ihnen beschriebene Dame ein bisschen danach - aber das scheint mir nicht schlimmer als «underpearled». Perlen sind ja potenziell ein bisschen spiessig, also soll man eher zu dick auftragen, damit es auch richtig «rockt».

Muss es immer "slim fit" sein?

Körperbetonte Anzüge sehen schön aus, jedoch sind sie für mich eher unpraktisch, da ich das Gefühl habe, mich darin kaum bewegen zu können. Ich habe einen athletischen Körper und bin 82 kg schwer bei einer Grösse von 1,86 Metern. Ich lasse meine Anzüge auf Mass schneidern, aber bewusst nicht körperbetont. Was ist Ihre Meinung dazu? René F., Zürich

Ich habe bei ebalance.ch nachgeschaut und stelle fest, dass Sie mit einem Body-Mass-Index von ca. 23,5 bei den «Normalgewichtigen» einzuordnen sind. Herzliche Gratulation, denn dies ist sicher Ihr wichtigstes «ästhetisches Kapital». Wären Sie weniger fit, würde dies auch ein Massanzug kaum kaschieren. Mit 1,86 Metern kommen Sie bei den Standardgrössen aber schnell ans Limit, weswegen ich Ihre Entscheidung für Massarbeit sehr gut verstehe. Sie könnten es sich zwar leisten, etwas mehr Figur zu zeigen, aber «tant pis», wenn Sie jetzt darauf pfeifen. Die Mode wird sich wieder ändern, Sie nicht.

Gäste auf Socken?

Ich versuche stets, meinen Gästen ein gepflegtes Heim zu präsentieren. Darum schätze ich es, wenn Gäste beim Betreten unseres Hauses die Strassenschuhe ausziehen und auf ihren Socken gehen oder in mitgebrachte Hausschuhe schlüpfen. Oft sind aber diese nicht gerade eine Augenweide. Soll ich meinen Gästen also Hausschuhe anbieten? Angélique S., Bern

Wir beide hätten ein handfestes Problem: Sie wollen mich in Socken haben, und ich kann genau das nicht ausstehen - obwohl ich in der Regel hübsche Socken trage! Im Ernst, mein Herzblatt: Sie sollten das entspannter angehen und den Leuten ihre Schuhe lassen. Man kann seine Gäste nicht im Ernst bitten, seine Schuhe auszuziehen. Ausser Sie schenken mir dafür ein Paar Cashmere-Pantoffeln.

Samstag, 11. September 2010

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Was bedeuten hochgeklappte Kragen am Polo-Shirt?

Im nun leider vergangenen Sommer ist mir in Italien aufgefallen, dass viele Menschen ihr Polo-Shirt mit hochgeklapptem Kragen tragen - ich finde, dies sieht etwas unordentlich aus. Nun habe ich auf einem österreichischen TV-Sender gesehen, dass dies Polo-Mode und damit ein Must sei. Muss das wirklich sein? Silvan U., Aesch

Ja, die lieben Österreicher, auf die ist Verlass! Sie geben dem Rest der Welt mit ihren sorgfältigen Trendberichten immer wieder den Takt an. Spass beiseite: Der nach oben geklappte Polokragen ist nicht ganz neu, sondern eine «gut abgehangene» Spielart von Menschen, die entweder zur Freizeit-Bourgeoisie gehören, oder Zeitgenossen, die sich einfach nur an diesem Look von Golfern, Jachtkapitänen und Menschen mit bayrischen Freiluftautos orientieren. Die Zürcher «jeunesse dorée» macht das mit ihren La-Martina-Shirts auch, um rechtzeitig Anspruch auf Status und eine standesgemässe Blondine zu markieren. Anders gesagt: Das Kragen-Hochstellen ist ein wenig albern, aber dafür eindeutig. Man weiss dann, mit wem man es zu tun hat.

Der Rücken sagt: Rucksack

Ich bin Studentin und muss nun aufgrund eines Rückenproblems statt einer Tasche einen Rucksack zum Schleppen meiner Bücher verwenden. Doch gibt es überhaupt einen geräumigen Rucksack für ein nicht allzu grosses Budget, der Stil hat? Antonia L., per E-Mail

Wer sich auf dem internationalen Parkett umschaut, dem dürfte aufgefallen sein, dass der klassische Wander-Rucksack aus naturfarbenem Baumwoll-Canvas und Leder wieder sehr im Schwange ist! Man sieht ihn gerade bei jüngeren, coolen Leuten statt nur auf dem Rücken der Rotsocken und Körnlipicker. Kaufen Sie sich also so ein Modell - etwa von Filson aus Seattle. DeeCee Style in Zürich oder Pesko in Lenzerheide haben sie im Program.

Businessmen mit Kickboard?

Auf dem Weg zur Arbeit rollen an mir unzählige Schlipsträger und Ingenieure auf Kickboards vorbei. Ich muss gestehen, dass ich den Anblick von erwachsenen Menschen auf diesem Kinderspielzeug nur schlecht ertragen kann und als ausgesprochen lächerlich empfinde. Durften die denn als Kind kein Trottinett haben und müssen dies nun im Erwachsenenalter kompensieren? M. S., Zürich

Danke für diesen Volltreffer. Mann kann das aufrichtige Mitleid, das auch ich mit diesen stilresistenten Business-Baby-Bikern empfinde, kaum besser beschreiben, als Sie es tun. Erwachsene auf Alu-Kickboards sind, in Anzug oder Freizeitkleidung, etwa gleichermassen beschämend wie Männer mit offenem Hosenstall. Wer auf solche Weise bizarr aussehen will, sollte wenigstens zu einem Skateboard greifen!

Sonntag, 5. September 2010

Business, Black Shirt und Bart

Wie passen schwarze Hemden in einen internationalen Business-Kontext? Ist das immer ein «No go»? Wie sieht es aus mit rosa Hemden? Ausserdem: Kann man im Business noch Bart tragen? Judith T., Bern

Man erkennt auf Flughäfen die Schweizer KMU-Provinztypen immer schon von ganz weitem, weil sie zu ihren Anzügen dunkle Hemden tragen. Machen Sie den Test, er funktioniert in 85 Prozent der Fälle. Die anderen sind Süddeutsche oder Vorarlberger. Im Klartext: Ein Hemd zu tragen, das dunkler ist als der Anzug, ist in keiner Weise modisch oder originell, sondern bünzlig. Ein Hemd sollte immer das hellste Element im Outfit sein. Blassrosa geht aber in Ordnung. Der Bart ist ein anderes Thema: Der kommt langsam wieder, doch sollte man schauen, dass man nicht wie «Animal the Drummer» aus der Muppetshow aussieht, sondern das Gestrüpp ordentlich trimmt.


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Jeans ohne Gürtel tragen?

Mein Sohn Florian erfreut mich meistens, doch sein Kleiderstil ist nicht ohne Makel: Er trägt oft keinen Gurt! Nun behauptet er, dies sei in Zürich so. Lebe ich so hinter dem Mond, dass ich diesen Trendwechsel nicht mitbekommen habe? Christina K., Wald (ZH)

Dass Ihr Sohn Zürich als Nabel der Modewelt anschaut, ist irgendwie von unschuldiger Liebenswürdigkeit. Denn tatsächlich manifestieren sich internationale Trends an der Limmat oft erst etwas verzögert und/oder temperiert. Mit der Jeans ohne Gürtel liegt er aber schon mal recht gut: Das machen jetzt vor allem jüngere Männer so. Es ist zwar nicht so, dass ein Gürtel irgendwie «out» wäre, aber wer fit ist und einen flachen Bauch hat, der zieht seine «Skinny»-Jeans heute locker auch ohne Gürtel an. Doch ältere Semester mit Bauchfigur sollten diesem Phänomen nicht blindlings folgen.

Mann im Seidenhemd

Mein Mann trägt gerne massgefertigte Seidenhemden aus Indien, eines davon auch in Silber. Er trägt sie auch zum Businessanzug, was mir immer missfällt, weil ich meine, dass Seidenhemden etwas für die Abend- oder Freizeitgarderobe seien. Agnieszka J., Rheinfelden
 
Hat Ihr Mann einen langen Rauschebart und trägt zu seinen Leinenhosen selbstgestrickte Socken und Birkenstock-Sandalen? Dann sollten Sie ihm seine Marotte lassen, denn für diese Typen - Mike-Shiva-Adepten oder Neo-Bhagwans - sind indische Seidenhemden ein absolutes Muss. Sonst aber, also etwa zu einem stinknormalen Anzug kombiniert, sehen diese Hemden doch eher exotisch aus, um nicht zu sagen: eigenartig. Ich kann es mir an einem sehr originellen Mann zwar vorstellen, doch am handelsüblichen Helvetier scheint es mir ein Fauxpas!

Samstag, 28. August 2010

Ihre Fragen

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Schöne Einkaufswagen gesucht

Warum gibt es eigentlich keine eleganten Einkaufstrolleys? Sie sind meistens billig, hässlich und machen einen zum Gespött der stilbewussten Zeitgenossen. Sogar bei Lederwarenhändlern ist «Einkaufswägeli» offenbar ein derartiges Unwort, dass die Verkäuferinnen gleich zu kichern beginnen. Urban F., Zürich
 

Mit einem Einkaufswägeli sieht man auf einen Schlag 25 Jahre älter aus. Und das will man nur, wenn man noch nicht volljährig ist. Doch es gibt Hoffnung. Ich habe unlängst leichte und aus zeitgemässen Materialien wie Alu und mattem Nylon-Twill gefertigte Einkaufshilfen gesehen, die sich bei Nichtgebrauch extrem klein machen lassen. Das deutsche Familienunternehmen, das solches herstellt, trägt den Namen Reisenthel, verlangt für seine Produkte recht zivile Preise und ist in der Schweiz in besseren Warenhäusern zu finden. Besonders clever ist der Carrycruiser mit Teleskopgriff und Tragegurt.

Anmerkung der Leserin Fabienne L. vom 5.9.2010: Der Carrycruiser von Reisenthel ist zwar optisch absolut ansprechend, leider aber nicht wirklich praxistauglich. Ich selber habe mich aufgrund des Designs für diesen Einkaufstrolley entschieden, musste aber nach wenigen Wochen feststellen, dass er grosse Nachteile hat. Erstens sind die Räder viel zu klein. Treppensteigen oder die Benutzung des öffentlichen Verkehrs sind nur möglich, wenn man den gesamten Trolley tragen kann. Zweitens ist das Raumvolumen sehr klein - bei grösseren Einkäufen stösst der Carrycruiser schnell an seine Grenzen. Das dritte Problem betrifft den Teleskopgriff: Dieser ist sehr unstabil und schwach und ist nach kurzer Zeit gebrochen (so dass ich den voll beladenen "Wagen" nach Hause tragen musste). Repariert wurde dies übrigens nicht, da es sich nicht lohne.  So habe ich - eine junge Frau, die wert auf Stil und gutes Design legt - nach den Carrycruiser gegen ein "braves" Modell eingetauscht - und bin vollauf zufrieden.

Dürfen Männer Männern Komplimente machen?

Eine Freundin sagt, als Hetero gebe man anderen Männern keine Komplimente betreffend Kleidung oder Aussehen. Stimmt das? Walter B., per E-Mail 

Ihre Freundin tischt Ihnen ganz schlecht riechenden Käse auf! Ein Mann, ob hetero oder nicht, kann anderen Herren ganz zwanglos Komplimente machen, wenn ihm danach ist. Es ist sympathisch, aufmerksam, hellt den Tag auf und zeugt von menschlicher Qualität und Wachheit. Allerdings kommt es ein wenig auf die Situation an. Bei Begegnungen mit Wildfremden ist Zurückhaltung geboten. Doch wer Angst hat, wegen einer netten Bemerkung für schwul gehalten zu werden, lebt noch irgendwo tief in der Mitte des letzten Jahrhunderts.

Hosen ohne Falten, bitte!

Ich trage gerne Anzüge, aber oft sind die Hosen aus so dünnen Stoffen gemacht, dass sie nach einer kurzen Reise oder Sitzung total faltig sind. Ich finde im Handel keine Alternativen. Muss ich mich also wohl oder übel wie Valentin Landmann oder Art Furrer anziehen, also in Jeans und Sakko? Martin W., per E-Mail
 
Die Stoffe der Anzüge, die in den meisten Läden hängen, sind tatsächlich oft etwas dünn. Das sind sie aber nicht, weil die Hersteller zu geizig wären, ordentliche Textilien zu verwenden, sondern weil die Männer mehrheitlich zu verweichlicht sind, ein bisschen Zwirn auszuhalten! Sie glauben schon schwitzen zu müssen, wenn sie einen Flanell oder Tweed von weitem sehen! Darum kaufen sie diese blöden All-Season-Anzüge, die im Grunde gar nichts taugen - für den Sommer zu wollig, für den Winter zu dünn. Freuen Sie sich aber auf diesen Herbst. Er bringt uns wieder Flanell und Tweed!

Sonntag, 22. August 2010

Rock your body!

Unlängst nannten Sie einen Mann, der sein Hemd an zwei aufeinanderfolgenden Tagen tragen wollte, einen «unappetitlichen Schmuddeljungen». Wie werden Sie mich nun nennen, wenn ich Ihnen sage, dass ich meinen Wolford-Body oder Pullover an zwei aufeinanderfolgenden Tagen im Büro trage? Julia J., per E-Mail 

Um Sie mit ähnlichen Schmähungen eindecken zu können, müsste ich mehr über Sie wissen. Ich kann nur mutmassen und behaupte darum: Sie sind über 45 Jahre jung und haben früher gerne Musik von Jennifer Rush und Cher gehört, den Bodysuit-Ikonen der Eighties. Sie liebten Jane Fonda und Jennifer Beals, die Big-Hair-Frauen des Aerobic-Zeitalters. Wer damals hip war, trug diese leicht verruchten Dinger mit hohem Beinausschnitt, am liebsten mit transparentem Brustteil. Heute trägt man solches kaum noch. Es sei denn, man ist gerade 22 geworden und ein grosser Fan von Lady Gaga, die dem Bodysuit jetzt zur Renaissance verhilft. Sie können also wählen: Sie sind entweder ein bisschen von gestern oder gaga. Aber hoffentlich nicht beides.


Ihre Fragen, bitte!

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Wie und wo trägt man noch Zweireiher?

Was ist eigentlich mit dem guten alten Doppelreiher passiert? Kann man heutzutage als gestandenes Mannsbild noch einen Zweireiher tragen, ohne dabei overdressed zu wirken? Oder ist diese Variante des Vestons und Anzugs inzwischen aus der Mode geraten? René M., Oberengstringen 

Haben Sie Geduld, lieber Freund des patriarchal-pompösen Klassikers mit zwei Knopfreihen! Diese Anzugsvariante ist im breiten Handel tatsächlich so etwas von out, dass sie fast ausgestorben scheint. Doch die Avantgarde hat den Zweireiher wiederentdeckt und lanciert ihn kürzer, knapper und figurbetonter für eine neue Generation von Männern. Ob Sie zu den letzteren dazugehören, wissen Sie selbst am besten.

Glaserdbeeren auf dem Nachttisch?

Neulich habe ich auf dem Flohmarkt einige hübsche Glas-Erdbeeren gekauft, die ich nun in einer weissen Porzellanschale auf meinem hellen Holz-Nachttisch stehen habe. Stil oder Kitsch? Eveline S., per E-Mail 
 
Für meine Begriffe klingt Ihre Trouvaille leicht bizarr, aber keineswegs unsympathisch. Sie scheint mir humorvoll, und das ist schon einmal ein Pluspunkt. Im Moment zeigen alle Magazine diesen Mix-and-Match-Einrichtungsstil mit Trouvaillen aus dem Brockenhaus. Ausserdem: Stil ist in Ihren eigenen vier Wänden das, was Sie als solchen empfinden. Mögen es andere kitschig finden - wenn der Anblick dieser Dekoration Ihnen Wohlbehagen verschafft, dann passt sie zu Ihnen. So weit sind wir glücklicherweise noch nicht, dass sich die Stilpolizei bis zu Ihrem Nachttischchen durchschnüffelt...

Sonntag, 15. August 2010

Ein patenter Herbst-Regenmantel, bitte!

Ich bin auf der Suche nach einem schicken und zugleich praktischen Regenmantel, doch der Trenchcoat hängt mir bereits zum Hals raus. Kürzlich sah ich eine Dame in einem lilafarbenen Regenmantel, der irgendwie unschweizerisch aussah, habe es aber verpasst, sie nach dem Fabrikat zu fragen. Katja R., per E-Mail
 

Willkommen im Herbst! Der Sommer 2010 ist Geschichte, und bereits hat uns das kühle Regenwetter wieder. Obwohl ich den Trenchcoat noch nicht so pauschal auf die Müllhalde der Trendgeschichte schieben möchte, glaube ich zu wissen, was Sie da erspäht haben und was «the next big thing in rainwear» wird: ein Mackintosh. Das sind aus gummiertem Baumwolltuch geschnittene und entlang den Nähten komplett wasserdicht verklebte Regenmäntel aus Schottland. Diese wunderbaren, in spannenden Farbtönen erhältlichen Mäntel halten auch wirklich stundenlang dicht. Am besten kaufen Sie ein Modell mit Kapuze. Ich kann aber auch den guten alten, gelben Ostfriesennerz wärmstens empfehlen. Er bringt kräftig Farbe in den grauen Herbst! 

Hat Stilberatung denn Stil?

Mit viel Interesse lese ich jeweils Ihre Kolumne. Ich frage mich aber: Hat die Beratung wildfremder Menschen in Mode- und Lebensfragen eigentlich Stil? Ist es nicht seltsam, anderen Menschen subjektive Ansichten mitzuteilen, obwohl doch jede Person ihren Stil selbst definieren sollte? Oliver A., per E-Mail 
 
Hier geraten wir auf die höhere philosophische Stufe der Stilberatung, und ich komme unter meinem nun bereits etwas schwereren Baumwollpikeehemd von Brooks Brothers leicht ins Schwitzen. Natürlich kann man so snobby sein, seine Erfahrung im Umgang mit dem Zeitgeist ganz für sich zu behalten. Da mein Gewerbe aber keine scharf abgrenzbare Wissenschaft ist und ein hohes Mass an Humor und persönlichem Flair voraussetzt, teile ich mich der Umwelt mit und versuche, anderen Menschen in ganz kleinen, unbedeutenden Dingen des Lebens zu helfen. Sehen Sie es doch einfach als freundliche Handreichung statt als Anmassung oder Einmischung.

Zwei Uhren am Handgelenk?

Micheline Calmy-Rey zeigte sich in China Ende Juni mit zwei Uhren am Handgelenk. Geschah dies in memoriam Nicolas Hayek, oder war es einfach nur ein schwerer Stilbruch?
Jean-Nicolas F., per E-Mail 

 
Ich denke nicht, dass sich unsere Bundesrätinnen als Werbefläche unserer Uhrenindustrie missbrauchen lassen, und glaube deshalb, dass die eine Uhr die Zeit zu Hause anzeigt, die andere die Lokalzeit. Es gibt Uhren, die solches parallel tun, aber die sind meistens nicht gerade ladylike.

Haben Sie Fragen?

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Donnerstag, 12. August 2010

Who do you think you are!?

Mit Begeisterung lese ich jede Woche in der NZZ Ihre Antworten und Anregungen zum Thema Stil.Neulich aber haben Sie sich, muss ich leider so sagen, selbst überschätzt (Vergleiche folgenden Beitrag, Anm. des Autors). Glauben Sie tatsächlich, dass Sie "schuld" daran sind, dass viele Frauen ihre Handtasche in der Armbeuge tragen? Liegt es nicht vielleicht daran, dass viele Schweizerinnen einfach einmal eine "inStyle" lesen oder sich von den  Promis in der "Gala" inspirieren lassen und nicht dem Aufruf von Herrn van Rooijen folge leisten. Es ist schade, dass in Ihrer Anwort an die Leserin Ihre  Ironie, die ich so sehr schätze, nicht ankommt (bei mir jedenfalls nicht). Claudia W., Luzern



Au weia, liebe Claudia - Humor ist ein glattes Feld. Ich meinte schon, dass mein kleiner Scherz damals als solcher gelesen werden würde. Zumindest scheinen es viele - ausser Ihnen - so getan zu haben. Natürlich meine ich nicht allen Ernstes, das Modeverhalten eines ganzen Volkes, und sei es nur das der Schweizer/innen, verändern zu können. Ich bin mir sogar ziemlich bewusst und bekomme es täglich auch vorgeführt, wie nutzlos mein Tun im Grunde ist. Die Leute tun und lassen sowieso, was sie wollen - und wahrscheinlich ist das auch richtig so. Ist ja alles nur ein Spiel! Als solches sollten Sie unbedingt auch meine nächsten Beiträge lesen ...
Mein Freund kam kurzfristig zu Operntickets für die Oper Carmen im Opernhaus Zürich. Wir freuen uns beide riesig. Nur was soll ich anziehen?  Trägt frau Abendkleid? Muss das Kleid bodenlang sein? Schultern bedeckt? Geschlossene Schuhe mit Absatz? Was für eine Tasche? Die Haare hochstecken? Strümpfe oder keine Strümpfe? Trägt man nur schwarz/dunkle Farben in der Oper? Und wie sexy darf es sein? Festlich (dennoch dezent) schminken oder nude Look? Was gibt es sonst für Vorschriften? Ich bin 20, habe lange naturblonde Haare, bin 1.74 m gross, schlank. Da ich in der Ausbildung bin, habe ich kein riesiges Budget um mir ein schickes Abendkleid mit passenden Schuhen und Tasche zu besorgen. Ich bin aber bereit mir etwas dazu zu kaufen. Was gäbe es also für Varianten? Schliesslich will ich mich für diesen speziellen Abend (unser erster Opernbesuch!) richtig rausputzen und schön aussehen. Ich hoffe Sie können mir weiterhelfen. Helena

Es hüpft mein Herz angesichtig der Erkenntnis, dass es noch Menschen gibt, die sich für besondere Momente etwas fein machen wollen! Haben Sie also Dank für Ihre Zuschrift. Ihre kurze Selbstbeschreibung lässt viele Varianten offen: Sie sind gross und schlank und jung, also ist das Feld der Möglichkeiten auch für den Opernbesuch sehr weit. Ein langes Kleid wäre sicher schön und richtig, vielleicht mit einem grossen, hochwertigen Schal. Doch sähe ich auch ein kürzeres Kleid gerne, wenn Sie die Beine dazu haben? Mit oder ohne Stürmpfe ist Ihre eigene, individuelle Entscheidung. 

Wichtig wäre mir nur eines: Schauen Sie auf Qualität. Tragen Sie lieber ein schlichtes Kleid, dafür eines aus hervorragendem Stoff. Und ziehen Sie wenigen, dafür exquisiten Schmuck an. Trauen Sie sich ein Paar richtig hohe Schuhe zu wählen! Einfach, aber sexy. Und bitte: keine langweilige Tages-Handtasche dazu. Stellen Sie auch sicher, dass Ihr Begleiter adäquat aussieht: ein schwarzer Anzug mit Krawatte wäre das Minimum, ein Smoking das Optimum.



SUMMER CHECKUP: Taschentuch aus Stoff?

Ich habe gehört, dass der, der etwas auf sich hält, keine Papier-, sondern Stofftaschentücher benutzt und somit das Taschentuch nicht nur als "Schnuderlumpe" zu gebrauchen ist, sondern als modisches Accessoire zu gepflegter Kleidung gehört. Was meinen Sie dazu, gibt es ein Revival? Marcel F.

Ein eleganter Herr (un auch eine Dame!) sollte, sofern man dafür den Nerv hat, tatsächlich stets ein gebügeltes Stofftaschentuch dabei haben, um sich die Nase zu schnäuzen (oder schneuzen, je nachdem, welche Rechtschreibeversion sie bevorzugen). Weil aber auch das Papiertaschentuch gute Dienste tut und man es leichter auch anderen herumschniefenden Menschen anbieten kann, ist auch ein Päckchen Tempo ein adäquater Begleiter. Verwechseln Sie aber bitte nicht das Schneuztuch mit dem Einstecktuch, das der Mann sich in die Brusttasche steckt und selbstverständlich rein dekorativen Charakter hat.

SUMMER CHECKUP: Oben ohne am Rasenmäher

Mit grossem Vergnügen lese ich Ihre wöchentliche Kolumne. Bei den sommerlichen Temperaturen sehe ich immer wieder Männer beim Rasen mähen oder Gartenwässern, welche diesen Tätigkeiten mit entblösstem Oberkörper nachgehen. Ab einem gewissen Alter und Körperbau ist das fürs weibliche Auge kein Vergnügen mehr. Wie kleidet sich Mann bei diesen Arbeiten stilvoll? Jutta G.

Glücklicherweise neigt sich der Sommer langsam dem Ende zu, sodass die Männer wohl bald wieder so ihren Rasen mähen, wie es sich für einen modernen Gentleman geziemt: im T-Shirt. Und zwar in einem, das mindestens kurze Ärmel hat. Ein kleiner Polo-Kragen wäre auch chic, aber fürs Rasenmähen, das ja praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit geschieht, würde ich auch eine kleine Ausnahme machen. Ärmellose oder Netz-Shirts sind aber genauso ein No-Go wie mit blosser Wabbelbrust.

Mittwoch, 30. Juni 2010

FERIENPAUSE - SUMMER BREAK

Die wöchentliche Stilrubrik "Hat das Stil?" in der NZZ am Sonntag - und also auch hier! - macht sechs Wochen Sommerpause und meldet sich Mitte August in neuer Frische wieder zurück! jvr.

Sonntag, 27. Juni 2010

Ihre Fragen, bitte!

Ihre persönlichen Fragen zur kultivierten Lebensart senden Sie an jvr@nzz.ch - Zuschriften werden nicht mit dem ganzen Namen und auf Wunsch auch ohne Ortsangabe ds Absenders veröffentlicht.

Die Rollerwelle rollt wieder

Jetzt ist wieder die Zeit, in der sich bei mir ums Haus die Rollerblade-Fahrer stauen. Und immer streite ich mit meinem Nachbar über die Frage: Ist Rollerbladen jetzt noch eine Trendsportart oder nicht? Astrid N., Greifensee

Ja die lieben «Blader», wie sie auch genannt werden; stürzen sich jedes Wochenende in bunte Sportkleidung aus Spandex, Elasthan und Lycra, um leicht vornübergebückt ihre mehr oder weniger wohlgeformten Leiber fit zu halten. Es ist ein zwiespältiges Vergnügen - aus rein ästhetischer Sicht, natürlich! Denn prinzipiell ist es gut und wichtig, dass sich die Menschen fit halten. Lieber auf Rollschuhen als gar nicht. Ein «Trend» ist dieser Sport aber längst nicht mehr, eher schon eine Landplage. Und wie gerne sähe ich mal jemanden, der diesen Sport mit etwas Stil und Grazie interpretiert, so wie man es in den grossartigen Fotos von Richard Avedon sehen kann: Rollschuhfahren im Anzug. Ich gäbe eine Goldmedaille dafür aus!

Die Bürde mit Würde tragen

Seit diesem Frühling beobachte ich Frauen aller Altersgruppen, die ihre Handtasche in der Armbeuge tragen. Der Arm wird dabei jederzeit krampfhaft nach oben gehalten. Dies hinterlässt bei mir den Eindruck, die Trägerin leide an einer halbseitigen Lähmung mit unnatürlich erstarrtem Unterarm. Welche Alternative empfehlen Sie? Und welche Handtasche würde sich dafür gut eignen? Jana S., per E-Mail

Ich fürchte, daran bin ich schuld, denn ich habe einmal geschrieben, dass sich die eleganten Frauen in Paris von den Schweizer Bauernmädchen dadurch unterschieden, dass sie ihre Handtasche in der Armbeuge trügen und nicht mit dem Tragegurt quer über die Brust! Und nun tun's also auch die Helvetierinnen - immerhin scheint mein Aufruf gewirkt zu haben! Ihnen gefällt das nicht? Dann empfehle ich einen Shopper. Diese Canvas- oder Ledertaschen in Form eines Migros-Sacks trägt man nämlich am besten ganz schlicht in der Hand.

Vorabinspektion des Hotelzimmers

Kürzlich war ich mit meiner Partnerin spontan auf Reisen, also haben wir das Hotel jeweils direkt vor Ort ausgesucht. Als stilbewusstes junges Pärchen sind wir weder misstrauisch noch knausrig, aber man möchte ja nicht die Katze im Sack kaufen, weshalb wir das Zimmer vorab einem kurzen Augenschein unterzogen. Darf man solche «Inspektionen» auch bei teureren Hotels durchführen? Daniel W., per E-mail

Ich meine, das muss möglich sein, ohne dass man sich dafür auch nur ansatzweise rechtfertigen muss - und auch mein Kollege Roberto Zimmermann, der als Reise-Sachverständiger der "NZZ am Sonntag" schon alle feinen Hotels dieser Welt bereist und beschlafen hat, pflichtet mir bei. Er weiss: «Auch teure Hotels können hässlich sein!» Und da wiederum pflichte ich ihm heftig nickend bei! Eine Vorab-Inspektion des Hotelzimmers muss möglich sein - wenn nicht, soll man man auf dem Absatz wenden und sich eine andere Herberge suchen.

Sonntag, 20. Juni 2010

Elegant in der Badeanstalt

Mit einigem Entsetzen denke ich an die kommenden Wochen, in denen meine Bürokollegen über Mittag in die Badi gehen und mich nötigen, mitzukommen und mich im Badekleid zu präsentieren. Dies, obwohl ich nicht gerade über die körperlichen Vorzüge von Kate Moss verfüge. Wie kann ich mich in der Situation stilvoll und situationsgerecht kleiden? Jolanda R., per E-Mail

Ich kenne das, denn auch ich verfüge leider nicht über die physischen Qualitäten eines Marcus Schenkenberg. Es bereitet einem rasch etwas Ungemach, seine Speckrollen so ganz ohne weiteres den versammelten Kollegen zu präsentieren. Sie haben es aber besser als ich, denn Sie können als Dame zum besten aller Beach-Looks greifen - zum Kaftan! Als Mann bleibt einem nur das T-Shirt oder Hemd. Der Kaftan ist leicht, luftig und elegant, und er schützt Sie nicht nur vor Blicken, sondern auch vor der Sonne. Tragen sie diesen Überwurf, solange er nicht unter das Burkaverbot rechter Hitzköpfe fällt!