Mittwoch, 30. Juni 2010

FERIENPAUSE - SUMMER BREAK

Die wöchentliche Stilrubrik "Hat das Stil?" in der NZZ am Sonntag - und also auch hier! - macht sechs Wochen Sommerpause und meldet sich Mitte August in neuer Frische wieder zurück! jvr.

Sonntag, 27. Juni 2010

Ihre Fragen, bitte!

Ihre persönlichen Fragen zur kultivierten Lebensart senden Sie an jvr@nzz.ch - Zuschriften werden nicht mit dem ganzen Namen und auf Wunsch auch ohne Ortsangabe ds Absenders veröffentlicht.

Die Rollerwelle rollt wieder

Jetzt ist wieder die Zeit, in der sich bei mir ums Haus die Rollerblade-Fahrer stauen. Und immer streite ich mit meinem Nachbar über die Frage: Ist Rollerbladen jetzt noch eine Trendsportart oder nicht? Astrid N., Greifensee

Ja die lieben «Blader», wie sie auch genannt werden; stürzen sich jedes Wochenende in bunte Sportkleidung aus Spandex, Elasthan und Lycra, um leicht vornübergebückt ihre mehr oder weniger wohlgeformten Leiber fit zu halten. Es ist ein zwiespältiges Vergnügen - aus rein ästhetischer Sicht, natürlich! Denn prinzipiell ist es gut und wichtig, dass sich die Menschen fit halten. Lieber auf Rollschuhen als gar nicht. Ein «Trend» ist dieser Sport aber längst nicht mehr, eher schon eine Landplage. Und wie gerne sähe ich mal jemanden, der diesen Sport mit etwas Stil und Grazie interpretiert, so wie man es in den grossartigen Fotos von Richard Avedon sehen kann: Rollschuhfahren im Anzug. Ich gäbe eine Goldmedaille dafür aus!

Die Bürde mit Würde tragen

Seit diesem Frühling beobachte ich Frauen aller Altersgruppen, die ihre Handtasche in der Armbeuge tragen. Der Arm wird dabei jederzeit krampfhaft nach oben gehalten. Dies hinterlässt bei mir den Eindruck, die Trägerin leide an einer halbseitigen Lähmung mit unnatürlich erstarrtem Unterarm. Welche Alternative empfehlen Sie? Und welche Handtasche würde sich dafür gut eignen? Jana S., per E-Mail

Ich fürchte, daran bin ich schuld, denn ich habe einmal geschrieben, dass sich die eleganten Frauen in Paris von den Schweizer Bauernmädchen dadurch unterschieden, dass sie ihre Handtasche in der Armbeuge trügen und nicht mit dem Tragegurt quer über die Brust! Und nun tun's also auch die Helvetierinnen - immerhin scheint mein Aufruf gewirkt zu haben! Ihnen gefällt das nicht? Dann empfehle ich einen Shopper. Diese Canvas- oder Ledertaschen in Form eines Migros-Sacks trägt man nämlich am besten ganz schlicht in der Hand.

Vorabinspektion des Hotelzimmers

Kürzlich war ich mit meiner Partnerin spontan auf Reisen, also haben wir das Hotel jeweils direkt vor Ort ausgesucht. Als stilbewusstes junges Pärchen sind wir weder misstrauisch noch knausrig, aber man möchte ja nicht die Katze im Sack kaufen, weshalb wir das Zimmer vorab einem kurzen Augenschein unterzogen. Darf man solche «Inspektionen» auch bei teureren Hotels durchführen? Daniel W., per E-mail

Ich meine, das muss möglich sein, ohne dass man sich dafür auch nur ansatzweise rechtfertigen muss - und auch mein Kollege Roberto Zimmermann, der als Reise-Sachverständiger der "NZZ am Sonntag" schon alle feinen Hotels dieser Welt bereist und beschlafen hat, pflichtet mir bei. Er weiss: «Auch teure Hotels können hässlich sein!» Und da wiederum pflichte ich ihm heftig nickend bei! Eine Vorab-Inspektion des Hotelzimmers muss möglich sein - wenn nicht, soll man man auf dem Absatz wenden und sich eine andere Herberge suchen.

Sonntag, 20. Juni 2010

Elegant in der Badeanstalt

Mit einigem Entsetzen denke ich an die kommenden Wochen, in denen meine Bürokollegen über Mittag in die Badi gehen und mich nötigen, mitzukommen und mich im Badekleid zu präsentieren. Dies, obwohl ich nicht gerade über die körperlichen Vorzüge von Kate Moss verfüge. Wie kann ich mich in der Situation stilvoll und situationsgerecht kleiden? Jolanda R., per E-Mail

Ich kenne das, denn auch ich verfüge leider nicht über die physischen Qualitäten eines Marcus Schenkenberg. Es bereitet einem rasch etwas Ungemach, seine Speckrollen so ganz ohne weiteres den versammelten Kollegen zu präsentieren. Sie haben es aber besser als ich, denn Sie können als Dame zum besten aller Beach-Looks greifen - zum Kaftan! Als Mann bleibt einem nur das T-Shirt oder Hemd. Der Kaftan ist leicht, luftig und elegant, und er schützt Sie nicht nur vor Blicken, sondern auch vor der Sonne. Tragen sie diesen Überwurf, solange er nicht unter das Burkaverbot rechter Hitzköpfe fällt!

Wie frisch muss ein Hemd sein?

Unter welchen Umständen darf man dasselbe Hemd an zwei aufeinanderfolgenden Tagen tragen, ohne es dazwischen zu waschen? Vor allem im Winter, wenn ich nicht schwitze, macht ein gut ausgerüstetes Hemd auch nach einem langen Arbeitstag noch einen frischen Eindruck. Muss es trotzdem in die Wäsche, oder reicht eine Nacht an der frischen Luft? Martin G., per E-Mail

Natürlich unter gar keinen Umständen, Sie unappetitlicher Schmuddeljunge! Ein Hemd muss morgens frisch und faltenfrei sein, alles andere ist gar keine Option!

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Im Fussballshirt ins Büro?

Seit Kindstagen bin ich Fussballfan und zeige dies gerne. Darf ich da am Tag, an dem meine Nationalmannschaft in Südafrika kickt, im Fussballtrikot zur Arbeit erscheinen? Oder würde das als Zeichen von Unkultiviertheit gesehen? Christian U., per E-Mail

Dies sind besondere Tage. Tage, in denen ein Mensch mit auch nur einigermassen vorhandenen Stilsensoren die Zähne zusammenbeissen und sich Kommentare verkneifen muss. Sogar die Schweizer Postbeamten trugen letzte Woche rote Shirts - wie man weiss, hat's der Nationalmannschaft genützt! Wenn Sie es auch nicht lassen und sich zum Affen machen wollen - tragen Sie das formlose Fussball-Shirt. Denn hässlich sind die Dinger, darüber kann man mit mir nicht diskutieren. Ich möchte Ihnen aber dennoch eine Hand reichen und sage: Tragen Sie das Shirt über einem Hemd. So behalten Sie einen Rest von Würde. Oder greifen Sie zum Schal. Den kann man auch mit einem Jackett leidlich gut kombinieren. Nur eines noch: Verzichten Sie auf jeden Fall auf diese bekloppte Vuvuzela. Die stecke ich Ihnen sonst eigenhändig in den Rachen, wenn ich Sie damit erwische!

Sonntag, 13. Juni 2010

Müssen Schuhe und Handtasche zusammenpassen?



Ich habe vor vielen Jahren von meiner Mutter eingetrichtert bekommen, dass die Handtasche der Dame den gleichen Farbton haben sollte wie die Schuhe. Gilt das immer noch, oder bin ich zu altmodisch? Adriana O., St. Gallen

In den frühen achtziger Jahren gab es von der Zürcher Band Frostschutz den reizenden Song «Plastiksackmeitli, Handtäschlifrau», der sich um den Kulturkampf zwischen Tradition und zeitgenössischem Modebild drehte. Wahrscheinlich gab es damals noch mehr dieser klassischen «Handtäschlifrauen», die penibel darauf achteten, dass Handtasche und Schuhe genau zusammenpassten. Aber so richtig wichtig war es damals schon nicht mehr. Was ich damit sagen will: Die von ihrer Mutter portierte Regel ist natürlich goldig und auch heute nicht falsch, aber nicht mehr von Dringlichkeit. Schauen Sie sich um: Es gibt jeden Tag zu viele gutaussehende Ausnahmen, als dass man an dieser Einschränkung festhalten sollte. Ausser bei der Queen oder Michelle Obama wird sich auch niemand darüber aufhalten. Nur Ihre Mutter, vielleicht?

Hose ohne Gürtel tragen?

Kann ein Mann zu einem Anzug bzw. einer Hose mit Veston die Hose ohne Gürtel tragen, sofern die Hose gut sitzt? Jean-Nicolas F., Oberwil, und Robert L., Bern

Zwei Leser, und beide haben dieselbe Frage - die Sache scheint von saisonaler Dringlichkeit zu sein! Ich meine: Ja, ein Mann kann seine Anzughose ausnahmsweise auch ohne Gürtel tragen - man schaue sich nur in Italien um! Aber: Eine solche Hose darf keine Gurtschlaufen haben. Sonst sieht's aus, als ob etwas fehlt. Sie müssen also Hosen haben, die exakt auf ihre (fitten) Körpermasse gearbeitet sind. Allenfalls lassen Sie seitlich am Hosenbund ein Paar verstellbare Riegel zum Nachjustieren der Weite anbringen.

Was tut man mit "Langsitzern"?

Darf man jemanden, der - etwa bei einem Restaurantbesuch - unverhältnismässig lange auf der Toilette war, beim Zurückkehren an den Tisch nach dem Wohlbefinden fragen? Man möchte ja höflich sein, aber auch nicht zu aufdringlich. Renée D., Luzern

Sie sind eine aufmerksame und liebenswerte Gastgeberin, nicht wahr? Ihnen entgeht keine Regung Ihrer Gäste, und daher scheint es mir durchaus statthaft, wenn Sie nach der Befindlichkeit fragen, wenn jemand von einer mehrstündigen «Sitzung» auf dem stillen Örtchen zurückkommt. Kann ja sein, dass sich jemand eine Shigellose oder Amöbenruhr oder sonst etwas geholt hat, und da sollte man schon rechtzeitig handeln. Wahrscheinlicher ist aber, dass Ihre Gäste zwar kerngesund sind, aber WC-Pausen fürs Telefonieren oder das Senden von SMS nutzen. Was natürlich eine Sauerei sondergleichen ist und deshalb schon ein scheues Nachfragen rechtfertigt.

Samstag, 12. Juni 2010

Wie entsorgt man seinen Vibrator?



Vor Jahren schenkte mir ein aufgeschlossener Liebhaber zum Geburtstag einen Dildo. Da er nicht wusste, ob mir das zusagt, wählte er - man muss es sagen - ein äusserst billiges Modell. Der Liebhaber hat sich längst aus dem Staub gemacht, das Geschenk hat ebensolchen angesetzt. Wie entsorgt man so etwas mit Stil? Als umweltbewusste Urbanista kann ich das Gerät unmöglich in den normalen Müll werfen. Der Entsorgungshof und das Berner Ökoinfomobil kommen wohl auch nicht in Frage. Simone H., Bern

Sie wollen mich auf den Arm nehmen, nicht wahr? Dann lassen Sie uns zusammen Spass haben! So ein unbefriedigter Freudenspender, der vergeblich seines Einsatzes harrt, ist wirklich bedauernswert. Wie wär's also, wenn Sie Ihren Dildo dem Sterbehelfer Ludwig A. Minelli anvertrauten? Der äschert das Ding diskret ein und versenkt es irgendwo im See. Oder noch besser: Kaufen Sie sich Mitte Juli an einem Feuerwerkstand eine grosse 1.-August-Rakete, kleben Sie den Freudenspender daran fest und schiessen Sie ihn so in den Himmel. Er wird als finale Klimax am Firmament verglühen!

Shirt unter dem Hemd?

Mein Freund trägt unter seinem Langarmhemd gerne ein weisses T-Shirt. Dieses schaut beim Hemdkragen hervor, und oft schimmert es auch an den Ärmeln durch. Ich finde dies altmodisch, es erinnert mich an ländliche Bewohner. Bei meinem Freund stosse ich aber auf taube Ohren. Karin N., Winterthur

Sie wohnen ja an der Schnittstelle zum Land, also haben Sie sicher ein feines Gespür dafür, was die Leute dort ausmacht. Ich teile Ihre Ansicht: Schlabber-T-Shirts unter dem Oberhemd sind bünzlig und unelegant. Wenn schon, trägt man ein «richtiges» Unterhemd, etwa die feine «Richelieu»-Qualität von Zimmerli. Kaufen Sie Ihrem Liebsten so eines, er wird nichts anderes mehr tragen wollen.

Küssen beim Zuprosten?

Wenn möglich meiden mein Mann und ich das Anstossen mit dem Weinglas. Sich Zuprosten mit ehrlichem Augenkontakt ist beinahe lautlos und schont die Gläser! So bin ich denn immer wieder peinlich berührt, wenn in einer Gesellschaft Paare sich nach dem Anstossen auf den Mund küssen. War dies einmal Brauch? Oder ist es ein Stilbruch? Susanne D., per E-Mail

Das Geküsse beim Prösteln ist tatsächlich ein bisschen spiessig und führt bei anderen am Tisch immer ein wenig zum «Fremdschämen». Wenn man es im privaten Rahmen macht, à la bonne heure, aber in Gesellschaft - nein danke! Einen solchen Brauch kennt kein gutes Stilkompendium dieser Welt. Gläser lässt man übrigens auch nur bei Tischrunden von bis zu sechs Personen klirren, bei grösseren Gesellschaften wird's umständlich und albern.

Ihre Fragen, Ladies and Gentlemen!

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